Mythos: »Sachbücher und Ratgeber gehören in verschiedene Expertenhände.« (Serienabschluss)

»Sachbuch ist Sachbuch«, »Bleib beim Ratgeber, sonst nimmt dich keiner ernst«, »Schuster, bleib bei deinen Leisten«. Klingt alles logisch. Zwei verschiedene Genres, zwei getrennte Bestsellerlisten, zwei unterschiedliche Zielgruppen. Warum sollte jemand, der Sachbücher lektoriert, auch Ratgeber betreuen – und umgekehrt? Weil die Trennlinie zwischen beiden Genres weit durchlässiger ist, als es auf den ersten Blick scheint.

 

Was die Genres unterscheidet – und was nicht

Natürlich sind die Grundkonzeptionen verschieden. Das Sachbuch vermittelt Wissen – für die breite Masse, im Gegensatz zum Fachbuch. Der Ratgeber liefert ein Nutzenversprechen, Handlungsanweisungen und Lösungen für konkrete Probleme. Soweit die Theorie,

die Praxis sieht anders aus.

 

Der versteckte Ratgeber

Sehr viele erfolgreiche Sachbücher sind in Wahrheit versteckte Ratgeber. Sie erscheinen auf dem Sachbuchmarkt, kommen erzählerischer daher als klassische Ratgeber, stürmen die Bestsellerlisten – und haben trotzdem einen hohen Ratgeberanteil.

Ein Beispiel: »Schnelles Denken, langsames Denken« von Daniel Kahneman ist wissenschaftlich fundiert und sachbuchverdächtig im Ton. Und trotzdem steckt darin ein waschechter Ratgeber – denn die Lesenden lernen, wie Entscheidungen funktionieren und wie sie im eigenen Leben bessere Entscheidungen treffen können. Sachbuch im Gewand, Ratgeber im Kern.

Wer nur eines der beiden Genres kennt, denkt zu selten an diese Hybridstellung. Wer beide kennt, kann sie erkennen, benennen und damit arbeiten. Er kann damit sehr erfolgreich sein.

 

Was das für das Lektorat bedeutet

Ich bin nicht gegen Spezialisierung. Ich werbe für Weitblick. Beides schließt sich nicht aus.

Wer als Lektorin oder Lektor ausschließlich in einer Genrewelt arbeitet, verpasst die Übergänge, die Verwandtschaften, die produktiven Reibungsflächen zwischen den Genres. Wer beide Welten kennt, ist kein Allrounder ohne Profil – sondern ein Spezialist mit Horizont. Das ist ein Unterschied.

Wie an anderer Stelle gesagt: Scheuklappen helfen niemandem. Weder den Lektoren noch den Büchern, die sie betreuen.

 

Vorläufiger Abschluss – und eine Einladung

Mit diesem Beitrag schließe ich vorerst meine Serie »Wahrheit oder Mythos?« ab. Es gibt noch viele Mythen in der Buch- und Textwelt, die eine Betrachtung verdienen – doch bevor ich weiterschreibe, möchte ich sammeln und sortieren.

 

Welcher Mythos hat Sie am meisten überrascht oder beschäftigt? Ich freue mich auf Ihre Gedanken in den Kommentaren – und schreibe gerne weiter, wenn das Interesse da ist.

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