Mythos: »Je einfacher und kürzer, desto besser.«

Vor meinem inneren Auge leuchten gerade die Hinweisschilder aus den gelben Telefonzellen auf: »Fassen Sie sich kurz!« Der Mythos »In der Kürze liegt die Würze« ist nicht falsch – er kann sogar als Lehrsatz gelten. Doch er reicht nicht weit genug.

 

Was stimmt – und was nicht

Klarheit und Einfachheit sind für alle Textgattungen und Buchgenres wichtig, für Romane, Sachbücher, Ratgeber oder Businesstexte. Darin steckt echte Weisheit. Aber Einfachheit ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Mittel, und wie jedes Mittel kann sie falsch eingesetzt werden.

 

Ein Beispiel aus der Wissenschaftskommunikation

Eine Chemikerin schreibt nicht: »Ich habe die Probe erhitzt.« Sie schreibt: »Die Probe wurde erhitzt.« Das Passiv macht den Satz länger – und trotzdem besser. Denn der Fokus liegt auf dem Experiment, nicht auf der handelnden Person. In der Wissenschaft ist das keine Stilfrage, sondern eine inhaltliche Notwendigkeit. Manchmal ist die längere Formulierung die richtigere. Manchmal ist der komplexere Satz der ehrlichere. Das klingt banal, hat aber weitreichende Konsequenzen für jeden, der Texte schreibt oder in Auftrag gibt.

 

Wo Vereinfachung zur Falle wird – Distanz einnehmen um Populismus

Vereinfachungen und Verkürzungen haben eine Grenze. Sobald sie zur Falschdarstellung werden, sobald sie berechtigte Komplexität unsichtbar machen, verlieren Worte ihren Wert. Was als Tugend beginnt, wird zum Problem. 

 

Die Populisten unserer Tage wissen das genau und nutzen Einfachheit als Waffe. Sie argumentieren mit der Brechstange, reduzieren komplexe Sachverhalte auf einprägsame Halbwahrheiten und bekommen dafür Applaus. Einfachheit kann manipulieren. Das ist kein Argument gegen klare Sprache, aber ein Argument dafür, Einfachheit nicht als obersten Wert zu setzen.

 

Was gute Texte stattdessen tun

Gute Texte versöhnen Klarheit mit Tiefe. Sie kommen auf den Punkt – ohne dabei zu lügen, zu kürzen, was wichtig ist, oder zu verschweigen, was unbequem ist. Das ist schwieriger als bloße Verkürzung. Aber es ist der einzige Weg, welcher der Wahrheit und Würde gleichzeitig gerecht wird.

 

Die neue Formel lautet deshalb nicht »Je kürzer, desto besser«, sondern: »Je einfacher und richtiger, desto besser.«

 

Eine Frage an Sie

Wann haben Sie erlebt, dass Vereinfachung zur Falle wurde – im eigenen Schreiben, in einem Text, den Sie gelesen haben, oder in einer öffentlichen Debatte? Ich freue mich auf Ihre Gedanken in den Kommentaren.

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